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kellerbar #01: lsf 50 – entspannung pauschal im arabischen sommer

25.11.2016 - 17.02.2017

aut. architektur und tirol, Innsbruck / Österreich

eine raumintervention von anna lerchbaumer, pia prantl und andreas zißler

Der Urlaub ist eine Fluchtbewegung aus der Wirklichkeit, stark ritualisiert – Fotografieren, Sonnenbaden – und geprägt von Rollen- und Rhythmuswechseln. Die Architektur übernimmt dabei wesentliche Aufgaben. Sie muss die Choreografie der Rituale ermöglichen, Orte der (Selbst-)Inszenierung und des Rückzugs schaffen, und über Schwellen und Sicherheitsschleusen den Übergang von Alltag und Urlaub, von Außenwelt und Hotelanlage formulieren.... Eine „Fabrik“ der Sehnsuchtsproduktion und Wunscherfüllung: eine Wunderwelt. Diese Räume sind nicht standortbezogen, sondern nach westlichen Standards geprägt, ohne tiefergehenden Bezug zur Umgebung, ohne Geschichte. Diese Nicht-Orte werden untersucht.

Der Tourismus funktioniert als eine ästhetisierte Welt mit starken Symbolwerten, wie z. B. gewissen Sehenswürdigkeiten. Diese Bilderwelt wurde als wesentlicher Teil der hypermobilen Globalisierung zu einem effektiven Anschlagsziel des Terrorismus. Die vom Tourismus abhängigen Länder werden durch Anschläge an ihren verwundbaren Stellen getroffen, die Fragilität der heilen Urlaubswelt wird offengelegt.

Wir bereisen drei Orte mit vergleichbaren Hotelketten, zahlreichen unterschiedlichen Problemen und deren Folgewirkungen: Terrorismus, instabile politische Lage und das Ausbleiben der Hotelgäste. Diese aktuelle Situation wird zu unserem Versuchsfeld, und wir begeben uns auf Pauschalreise nach Ägypten, Tunesien und in die Türkei – Sonnenbad mit Lichtschutzfaktor 50. Einige Tage ohne Anstrengung, vielleicht auch mit Langeweile, eine Fluchtbewegung aus der Wirklichkeit, ein Vergleich von Ist und Soll der Urlaubsrealität.

Der All-Inclusive-Urlaub zum Schärfen der Sinne für Differenzen und zur Überprüfung der Vorstellung des grenzenlosen Angebotes: Wie viel politische Vergangenheit und Gegenwart sickert durch die Mauern der Resorts? Wir schlüpfen in die Rolle von TouristInnen und beginnen diesen ent- und begrenzten Raum zu vermessen; ein Raum, der zu bestimmten Handlungsmustern motiviert und eine veränderte Wahrnehmung provoziert.


dream world aqua, türkei
Spätestens seit den vermehrten Terroranschlägen dieses Jahres kann sich die Türkei in die Reihe der krisenanfälligen Tourismusgebiete einordnen. Das österreichische Außenministerium weist derzeit darauf hin, dass landesweit mit gewaltsamen Auseinandersetzungen und Anschlägen zu rechnen sei.

Das von uns bereiste „Dream World Aqua“ ist ein Hotel in Antalya, das mit seiner Landschaft aus Pools und Wasserrutschen vor allem für deutschsprachige TouristInnen konzipiert ist. Auch außerhalb des Wassers werden in dieser 5-Sterne All-Inclusive-Anlage keine Wünsche offen gelassen. Eine Spaß- und Wohlfühlmaschine für die ganze Familie.


happy life village, ägypten
Ägypten fehlte bis vor kurzem in keinem Reisekatalog. Nach dem Absturz eines russischen Ferienfliegers über dem Nordsinai und weiteren Anschlägen bleiben die europäischen TouristInnen aus. Seit der Jännerrevolution von 2011 besteht landesweit ein erhöhtes Risiko terroristischer Anschläge und die Gefahr von Entführungen.

Das Happy Life Village in der Nähe des Flughafens Sharm-el-Sheikh punktet mit natürlichen Riffen vor dem Hotelstrand und ist ein Hotel der mittleren Klasse in abgeschiedener Lage. Vorwiegend arabische Gäste mit Ambitionen zum Schnorcheln und Tauchen verbringen hier ihre Urlaubstage.


el mouradi palm marina, tunesien
Für das 11 Millionen Einwohnerland, das keine Öl- und Gasvorkommen besitzt, ist der Tourismus die Haupteinnahmequelle. Auch Tunesien ist seit 2011 von Krisen betroffen, wodurch die Beliebtheit der Destination zurückging. Die Mehrheit der Gäste in den Hotelanlagen sind im Moment Algerier.

Der Strand vor dem von uns gebuchten Hotel El Mouradi Palm Marina war erst jüngst Schauplatz eines Terroranschlags mit 38 Toten. In Internetbewertungen und Hotelbeschreibungen findet man allerdings keine Hinweise auf diesen Vorfall. Wie es scheint, zeichnet sich eine All-Inclusive-Anlage als „Nicht-Ort“ durch das Fehlen oder Verdrängen von Geschichte aus. Wie wird erinnert, gemahnt und getrauert an einem Ort ohne Erinnerung?


aut: beachbar und diaabende
Fotostrecken, Postkarten, Audio- und Videomaterial, Souvenirs, aufgeladen mit den schönsten Urlaubserinnerungen sowie zahlreiche Geschichten werden als Zeugnisse vor Ort gesammelt und mitgebracht, aufbereitet und in der kalten Jahreszeit präsentiert.

Bei drei performativen Diaabenden werden den Zuhausegebliebenen außergewöhnliche, unterhaltsame, aber auch erschreckende Geschichten vermittelt. Der Begriff „Dia” ist dabei nicht wörtlich zu nehmen, vielmehr ist es ein multimediales Event in „heimeliger“ Atmosphäre. Unterm Cocktailschirm der wohltemperierten aut: beachbar schlürfen wir Caipirinha und Malibu Kirsch und lassen die Reisen Revue passieren. Ein bekanntes Ritual der Urlaubsveröffentlichung mit kulinarischen, performativen und musikalischen Schwerpunkten, ganz im Sinne Walter Benjamins: Der Gebrauchswert einer Reise ist ihr Ausstellungswert!

[Quelle: https://aut.cc/]

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last modified at 10.02.2017


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